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DAS GELD, DAS LIEBE GELD

Über Geld reden ist unangenehm, über Geld schreiben höchstens unwesentlich leichter. Über Geld kann man sich herzhaft aufregen, darüber, dass man es nicht hat, zu wenig hat, nicht mehr hat, falsch ausgegeben hat, schlecht angelegt hat, dass der Snackautomat es geschluckt hat und keine Haselnussschnitte rauskam.

Man kann anklagen, dass es die Falschen haben, die Unmoralischen, die Gierigen, die Geizigen.

Man kann analysieren, dass wir im falschen System wirtschaften, dass sich die Finanzmärkte von der Realwirtschaft entkoppelt haben und dass der freie Markt keine Probleme löst.

Man kann auch sagen: „Ach, es ist doch nur Geld! Das Wichtigste ist doch die Gesundheit und dass es meiner Familie gut geht.“ Aber dann fällt einem ein, dass Gesundheit ja auch Geld kostet, denn das vergisst man als gesetzlich Krankenversicherte ja schnell mal.

Als Gründerinnen war uns das Thema Geld immer irgendwie lästig. Vereinfacht gesagt, es ist uns lästig, weil wir es brauchen, aber nicht haben. Das geht sicherlich vielen so. Es ist uns lästig wie eine Fliege am Esstisch oder eine Ampel im Straßenverkehr – etwas, das einem vom Wesentlichen abhält und am Fortkommen hindert. Geld – oder eben fehlendes Geld und die ständige Auseinandersetzung mit der Verwaltung des fehlenden Geldes – ist wirklich lästig, keine Frage. Eine Weile lang kann man sagen: nur lästig. Wenn man den Sinn des unternehmerischen Denkens und Handelns an etwas anderem als den monetären Gewinnaussichten festmachen will, dann kann man das so sehen. Zumindest eine Weile.

Als verarbeitendes Gewerbe brauchen wir Materialien, Maschinen, und Werkstatträume. Andere Jungunternehmen brauchen erst mal nur einen Laptop und ein Plätzchen im Café. Unser Geschäftsmodell verweigert sich der Skalierbarkeit, seine Entwicklung verursacht dennoch einen Berg an Kosten. Irgendwas stimmt da nicht, würden viele sagen. Investoren gewinnt man damit jedenfalls nicht so leicht.

Als Schuhmacherinnen ist uns das Thema Geld noch auf einer anderen Ebene lästig: Wir lieben unseren Beruf, versinken selbstvergessen in einer beinahe selbstzweckhaften handwerklichen Praxis und finden uns – wenn wir wieder aufgetaucht sind – auf einem Schuhmarkt wieder, der überschwemmt wird von billigen Wegwerfprodukten. Die Leute denken vielleicht: Das Handwerk muss man bewahren. Aber die Leute wissen: Schuhe bekommt man auch für 19,90 Euro. Wir denken: In unseren Schuhen stecken mindestens 10 Stunden Arbeit, das muss vergütet werden. Aber wir wissen: Der Hartz 4-Regelsatz liegt bei 432 Euro. Selbstbewusst zu verkünden: Unsere Schuhe kosten zwischen 530,- und 840,- Euro, das ist gar nicht so leicht. Geld ist einfach lästig.

Wir haben über viele Modelle nachgedacht, wie wir dieses leidige Thema Geld entschärfen könnten: einkommensabhängige solidarische Preise? Ratenzahlung? Mitmach-Tarife?

Der Idee des modularen Baukastenprinzips liegt ja genau dieses Anliegen zugrunde: die Produktionskosten zu senken und handwerklich gefertigte Schuhe erschwinglicher zu machen. Das ist uns gegenüber dem klassischen Maßschuh zweifellos gelungen, aber exklusiv bleiben unsere Schuhe dennoch.

Dann haben wir uns zum Crowdfunding entschieden. Ja, auch da geht es natürlich ums Geld. Crowdfunding, das auf Gegenleistungen basiert, dient meist der Finanzierung von Produkten durch den Vorverkauf, ist aber auch ein hervorragendes Marketinginstrument und „Proof of Concept“.

Auch wir sehen es als genau das: ein Mittel, an Geld zu kommen, um Investitionen zu tätigen. Aber auch eine Möglichkeit, an die Öffentlichkeit zu treten, sichtbar zu werden und unser Geschäftsmodell zu erproben.

So wie sich das Crowdfunding in die marktwirtschaftliche Logik einfügt, so entzieht es sich dieser zugleich: Auch wenn es beim „Reward-based Crowdfunding“ explizit nicht um Spenden geht, so lässt sich doch im Ansatz eine Loslösung vom ökonomischen Prinzip erkennen, die bemerkenswert ist. Es handelt sich nicht um eine schnöde Transaktion, sondern um eine persönliche Unterstützung; es werden Waren gehandelt, aber Preis und Wert gehen oft unverhältnismäßig auseinander. Wenn wir Karottensaatgut für 10 Euro verkaufen, dann ziehen wir damit niemanden über den Tisch, sondern werden zu Teilnehmern neuer Tauschsphären. „Über die Ladentheke“ gehen nicht mehr nur Geld und Waren, sondern Ideen und Visionen. Der Tausch wird ein bisschen mehr zum Austausch und Marktteilnehmer werden zu Menschen.

Das Crowdfunding ist ein großartiges Mittel, um die Finanzmärkte zu umschiffen. Aber um den Schuhmarkt kommen wir nur schwer herum. Wie positionieren wir uns da? Vertreten wir einfach selbstbewusst unsere Preise und konzentrieren uns auf qualitätsbewusste und freigiebige Kundinnen und Kunden? Setzen wir auf die Entwicklung einfacherer und kostengünstigerer Schuhmodelle und entfernen uns von der klassischen Schuhmacherkunst? Oder konzentrieren wir uns auf den „Erlebnischarakter“ unseres Handwerks und verdienen an Workshops und Events? Das Crowdfunding ist unser Testballon, den wir raus in die Welt schicken. Über einen echten Austausch mit der „Crowd“ würden wir uns wirklich freuen!

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