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DIE GUMMIFRAGE (Werkstoffserie / #1)

Noch wenige Wochen sind es bis zur offiziellen Eröffnung unserer Werkstätte – am 1. November ist es soweit! – und wir sind noch tüchtig am Gestalten, Ordnen, Ordern und Organisieren. Unser endgültiger Webauftritt sowie unsere vollends ausgefeilte Kollektion wird also erst zum Eröffnungstermin vorgestellt.

Einen kleinen Vorgeschmack möchten wir euch aber vorab schon einmal geben: Jede Woche gewähren wir euch einen kleinen Einblick in unser Materiallager und machen somit transparent, aus welchen Gründen wir uns für einen bestimmten Werkstoff entschieden haben. Den Auftakt dieser Serie machen: die Gummisohlen.

Die Suche nach einem geeigneten Gummi für die Besohlung unserer Schuhe ist ein Paradebeispiel für den Realitätsschock, den man als ökologisch bewegte Herstellerin erklärtermaßen „grüner“ Produkte bisweilen erlebt. Dass man mit dem Anspruch, ein einwandfrei nachhaltiges Produkt herzustellen in einer nicht einwandfreien (Wirtschafts-)Welt schnell an seine Grenzen gerät, wird im Ökomarketing gerne mal ausgeblendet. Die Geschichte unserer persönlichen kleinen Gummikrise möchte ich kurz nacherzählen. Sie hat uns nicht nur viel über die Eigenschaften des Werkstoffs selbst gelehrt, sondern auch unser Verständnis des nachhaltigen Wirtschaftens erschüttert – und zu guter Letzt erweitert!

Die Gummifrage stellte sich im Zusammenhang mit einem anderen Problem, dem des Recyclings. Mit dem hehren Anspruch, ausschließlich „natürliche“ Materialien zu verwenden und somit nicht nur ein schadstofffreies, sondern auch einfach zu recyclendes Produkt zu schaffen, landeten wir schnell beim sogenannten „Naturgummi“ oder Kautschuk. Aus dem Milchsaft des Kautschukbaumes (vorwiegend der Sorte Hevea brasiliensis) wird durch Vulkanisierung ein strapazierfähiger und elastischer Gummi gewonnen, der etwa bei der Herstellung von Autoreifen auch heute noch unentbehrlich ist. Schuhsohlen aus Naturkautschuk – meist Kreppsohlen genannt – sind heute äußerst selten, wofür als Hauptgrund sicherlich der gegenüber dem synthetischen Gummi deutlich höhere Preis anzuführen ist.

Wie der Name Naturgummi nun vermuten lässt, handelt es sich beim Kautschuk um ein biologisch basiertes Polymer. Der völlig unbeleckte Laie (ich) vermutet folglich, dass sich dieses „natürliche“ Produkt nach dem Gebrauch ebenso „natürlich“ verwerten lässt, quasi im heimischen Komposter. Weitgefehlt! Dass ein biobasierter Stoff nicht zwangsläufig biologisch abbaubar ist, ergab sich nach recht kurzer Nachforschung. Bezüglich des Recyclings mussten wir uns folgerichtig eingestehen: Kautschuksohlen landen im gleichen Heizkessel der thermischen Verwertung wie aller sonstiger Zivilisationsmüll. Oder aber sie werden zu Gummigranulat verarbeitet und erleben einen zweiten Frühling als beispielsweise Bodenmatte – unauffällig beigemischt in den großen Wust zerschredderter Altreifen, die wohlgemerkt zu großen Teilen aus Mineralöl-basiertem Gummi bestehen!

Spricht denn dann überhaupt noch so viel für den Kautschuk?, dachten wir uns und erinnerten uns der bereits bekannten nachteiligen Eigenschaften der Kautschuksohlen: schmieren in der Verarbeitung, werden tendenziell rutschig im Regen und sind dazu noch teuer. Außerdem leisten sie nun also den gleichen Beitrag zum großen Müllberg wie ihre synthetischen Sohlenkollegen und beziehen ihren Rohstoff aus der Monokultur tropischer Plantagen, die mit denen des Palmölanbaus vergleichbar sind. Etwas geläutert, aber dafür wohlinformiert besannen wir uns daraufhin auf die großen Vorteile der Kautschuksohlen:

unsere Kautschuksohlen werden in einer französischen Manufaktur handgegossen: ein wunderschöner Verarbeitungsprozess, der uns Handwerkerinnen aus der Seele spricht.
Kautschuksohlen sind sehr stoßdämpfend und daher besonders gelenkfreundlich.
Bei der Verarbeitung und durch den Abrieb beim Tragen gelangt kein Mikroplastik in Luft und Gewässer.

Wir entschieden uns, die Kautschuksohlen zu verwenden, verloren aber den Glauben daran, dass die ausschließliche Verwendung von Naturgummi aus Gründen der Nachhaltigkeit geboten ist.

Bei der Suche nach Alternativen führte uns die Recyclingthematik auf eine andere Fährte, nämlich auf die besagten Altreifen. Ein junges spanisches Unternehmen beliefert uns nun mit speziell für die Schuhbesohlung präparierten Reifenprofilen, die als Ausschussware bei der Reifenherstellung ansonsten granuliert worden wären. An unseren Schuhen durchlaufen sie einen zusätzlichen Lebenszyklus und sind wie gemacht für Sohlen: Abriebfest und rutschsicher, dazu noch erschwinglich.

Haben wir die Gummifrage nun also gelöst? Gibt es eine Moral von der Geschicht‘? Zum Beispiel, dass man „halt nun mal Kompromisse eingehen muss“?
Kompromisse sind natürlich keine Lösungen, sondern Zugeständnisse an die Handlungsfähigkeit. Auch Herstellen kann als eine Form des Handeln aufgefasst werden. Betrachten wir die Wirtschaft als eine Sphäre des Handelns, stellt sie uns vor die gleichen moralischen Dilemmata wie in allen anderen Bereichen des Lebens auch, die wir meist nur mithilfe beliebiger ethischer Grundsätze bewältigen können. Folgen wir in der Wirtschaft nicht (nur) dem Prinzip der Ertragssteigerung, sondern berücksichtigen auch ökologische, soziale und kulturelle Faktoren bei der Entscheidungsfindung, wird es immer komplexer. Allein die ökologischen Folgen eines einzelnen Werkstoffes sind schier unberechenbar – was wiegt z.B. ökologisch schwerer: die CO2-Emissionen beim Verbrennen oder das durch Abrieb verursachte Mikroplastik?

So sehr beim Wirtschaften freies Handeln im Spiel ist, so wenig können wir den gewaltsamen Aspekt des Herstellens weg interpretieren: Können wir gewaltfrei produzieren und konsumieren? Wohl kaum. Es fällt mir etwa denkbar schwer, das scheinbar unschuldige Verspeisen eines Apfels irgendwie im Sinne des Apfels zu deuten. Wir können uns aber sehr wohl überlegen, ob wir den Apfel vorher noch mit Gift bespritzen oder achtlos wegwerfen, wenn er eine kleine Druckstelle hat. So ein bisschen übertragbar ist das ganze wohl auch auf Schuhsohlen.

Nächste Woche dann:
Unser (völlig krisenfreies) Oberleder!

1 Reply on

DIE GUMMIFRAGE (Werkstoffserie / #1)

  • Sehr schön geschrieben Alessa! Regt zum Nachdenken an und zeigt, dass die Dinge bei Weitem nicht zu einfach sind, wie man oft denkt (und es gerne hätte)!! Bin gespannt, mehr zu lesen und freue mich, eure Werkstatt bald mal zu besuchen!

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