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HIRSCHKLEBER UND LEDERKAPPE (Werkstoffserie / #4)

An die Schuhspitze und die Ferse gehört eine Versteifungskappe aus Bodenleder. So haben wir das gelernt. Vorder- und Hinterkappen werden in Wasser eingeweicht und dann im „dampfen“, also feuchten Zustand mit dem Messer an den Kanten verjüngt, sprich geschärft, damit sich am Schuh später keine harten Übergänge abzeichnen. Schließlich werden die Kappen beim Zwicken so in den Schaft eingearbeitet, dass sie eng am Leisten anliegen und sich die Spitzenform des Leistens auf den fertigen, „ausgeleisteten“ Schuh überträgt. Während die Vorderkappe dem Schuh also seine plastische Gestalt verleiht und die Zehen schützt, umschließt die Hinterkappe die Ferse und das Längsgewölbe und bietet dem Fuß den nötigen Halt.

Dank der Segnungen der modernen Materialtechnologie könnten wir es uns die Sache mit der Versteifung so viel leichter machen – und billiger zumal: Wir könnten uns das zeitaufwendige Zuschneiden, Glasen, Schärfen und Zwicken der teuren Lederkappen sparen und stattdessen auf thermoplastisch verformbares Vlies zurückgreifen, dass sich bereitwillig über den Leisten bügeln lässt.

Wir haben nie durchgerechnet, wie viel Zeit- und Materialkosten wir uns dadurch sparen könnten, denn in diesem Fall siegte recht schnell das Dogma über den Geschäftssinn. Sollen wir uns wirklich über stinkenden Dämpfen mit störrischen Folien die Finger verkleben und das massivlederne Schuhinnere mit fragwürdigen mineralölbasierten Substanzen vermüllen? Es gibt ja viele Bereiche, wo man schwer um Kunststoffe herumkommt, aber in diesem Fall bedeutete es nicht nur einen ökologischen Kompromiss, sondern auch einen handwerklichen Verlust – nicht nur hinsichtlich der Qualität des Endprodukts, sondern am handwerklichen Schaffensprozess selbst. Die Arbeit hat ihre eigene Schönheit, die eng verknüpft ist mit der unmittelbaren Erfahrung des Könnens – oder dem, was man gemeinhin als „Flow“ bezeichnet –, mit der Ästhetik der Werkstoffe und dem Eingebettetsein eines einzelnen Arbeitsschrittes in einen größeren Sinnzusammenhang. Genau das zeigt sich bei den Kappen: Vom rhythmischen Schleifen des Messers über das Aufrühren des irgendwie menschlich duftenden Hirschklebers* bis zum bildhauerischen Beraspeln der bereits aufgezwickten Vorderkappe zeichnet sich der ganze handwerkliche Prozess durch eine Sinnlichkeit aus, die schließlich im befriedigenden Eindruck der Nützlichkeit aufgeht, der sich beim Besehen des fertigen Schuhs einstellt.

Aber ist es überhaupt zweckdienlich, Schuhe zu versteifen? Sollten Schuhe denn nicht vielmehr weich und flexibel sein?
Man könnte sagen, das ist eine philosophische Frage. Man könnte auch sagen: Je nach dem. Letztlich könnte man es auch einfach als Geschmackssache bezeichnen.
Eine Frage der Schuh-Philosophie ist es insofern, dass die Frage nach dem richtigen Schuhwerk eine Reihe von Grundannahmen voraussetzt, auf die sich die Wahl der fußumhüllenden Maßnahmen stützt. Das Prinzip Barfußschuh beruht etwa auf der Annahme, dass der gesunde Fuß auf polsternde und stützende Funktionen weitestgehend verzichten kann und leichte Degradierungserscheinungen durch Barfußgehen sogar rückgängig gemacht werden können. In der Orthopädieschuhtechnik setzt man hingegen eher auf Halt und Stütze, um geschundenen Fußen Linderung zu verschaffen, und auch im klassischen Maßschuhhandwerk wird auf passgenauen Halt abgezielt und mit der natürlichen Anpassungsfähigkeit des Bodenleders gearbeitet.
Man könnte, wie gesagt, auch der Auffassung sein, dass Schuhe je nach Stelle entweder Halt zu bieten haben oder eben Flexibilität geboten ist. Letzteres ist vor allem im Ballenbereich der Fall, wo ein vollständiges Abrollen des Fußes gewährleistet werden muss.
Letztlich ist die Frage nach der Versteifung tatsächlich auch Geschmackssache, insbesondere im Hinblick auf die Vorderkappe: Möchte ich einen Schuh der aussieht wie ein Strumpf oder sein eigenes markantes „Gesicht“ mitbringt? Benötige ich Schutz vor Stößen und herabfallenden Gegenständen oder will ich meinen Füßen größtmögliche Freiheit bieten?
Wir haben uns für unsere Baukasten-Schuhmodelle auf eine klassische versteifte Lederkappenmachart versteift. Aber wer weiß, wozu uns die Experimentierfreude künftig noch verleitet!

* Hirschkleber, auch Wiener Kleber genannt, dient zur zusätzlichen Versteifung und Fixierung der Lederkappen zwischen Futter- und Oberleder. Er wird aus modifizierter Stärke hergestellt und ist somit gesundheitlich und ökologische völlig unbedenklich. Hirsche oder Hirschderivate sind nicht enthalten.

1 Reply on

HIRSCHKLEBER UND LEDERKAPPE (Werkstoffserie / #4)

  • Endlich mal ein Newsletter mit Inhalt. Toll, wie ihr über eure Arbeit schreibt und auch eure Philosophie! Die Bestellbox von Euch ist schon bestellt. Macht weiter so!

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