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ÜBER SCHUHBAU UND BAUHAUS. SELBSTFINDUNG EINER SCHUHWERKSTÄTTE

In den kurzen Momenten des Aufhorchens und -blickens von Werkbank und Businessplan dringt der allgemeine Jubelgesang anlässlich des 100. Bauhausjubiläums sogar zu mir durchs dicke Werkstattgemäuer. Meine Haltung zum Bauhaus ist bislang vor allem von Ahnungslosigkeit geprägt, aber auch von einer ambivalenten Mischung aus Wohlgefallen und Skepsis. Wenn so ein Jubiläum also für irgendetwas gut ist, dann für eine tiefere Auseinandersetzung mit dem, was bislang im seichten Halbwissen dümpelte. Modern denken (mit Hashtag, versteht sich) hat hier in Sachsen-Anhalt nicht nur dank Bauhaus angeblich „Tradition“. Wer modern denken als ein kritisches Denken versteht, muss den Mythos Bauhaus selbst einer solchen Kritik unterziehen; muss letztlich das moderne Denken einer Kritik unterziehen. Wie erfreulich, dass neben den euphorischen Lobeshymnen auch Stimmen laut werden, die das vom Standortmarketing bis ins Bedeutungslose verzauberte Bauhaus ein wenig entmystifizieren.1

Über das Bauhaus wurde in diesem jungen Jahr also schon viel gesagt, Gutes wie Schlechtes. Ich spare mir an dieser Stelle eine Erörterung dessen, was das Bauhaus wirklich war – der Zugang zu dieser Wahrheit bleibt mir ohnehin versperrt und mein Zeitplan lässt keine größeren historischen Studien zu – und widme mich lieber den produktiven Reibungspunkten auf der Oberfläche des derzeitigen öffentlichen Jubiläumsdiskurses.

Was am Bauhaus fasziniert, sind vielleicht gerade seine Widersprüchlichkeiten und geschichtlichen Brüche: Das Bauhaus forderte die Orientierung am „Volksbedarf“, produzierte jedoch avantgardistische Luxusartikel und Fabrikantenvillen. Bauhaus steht für soziale und ästhetische Radikalität, aber auch für ein erstaunliches Anpassungsvermögen an die ökonomisch-politischen Verhältnisse. Es wird die Aufwertung handwerklichen Könnens und Qualitätsbewusstseins befördert und zugleich einer fortschrittsgläubigen Technikverehrung gefrönt. Man arbeitet an der Erschaffung eines neuen Menschen und lässt seelenlose Plattenbausiedlungen entstehen, die heute zu sozialen Brennpunkten verkommen sind. Das Bauhaus schreibt sich die Gleichberechtigung der Geschlechter auf die Fahnen und verbannt die Frauen dann doch in eine eigens für sie eingerichtete Webereiklasse.

Viele dieser Themen treiben auch uns als Schuhmacherinnen und Gestalterinnen um: Wie können wir ein qualitativ hochwertiges handwerkliches Produkt erschaffen, ohne uns dem Luxussegment anzubiedern? Welches Maß an Maschineneinsatz wird sowohl unseren ökonomischen Erfordernissen als auch unserem handwerklichen Anspruch gerecht? Wie viel Kritik und politisches Bewusstsein verträgt ein Unternehmen, wie viel ökonomisch-technisches Denken verträgt das Politische? Was bedeutet es, als Frau und Mutter einen Handwerksbetrieb zu gründen?

Lasse ich mich auf die nüchtern-kühle Ästhetik der Bauhauswerke ein, spricht mich diese an und widerstrebt mir zugleich. In ihren Glasfassaden und Stahlrohrmöbeln spiegelt sich der genuin moderne Anspruch, durch (innen-)architektonische und städtebauliche Gestaltung menschliches Verhaltens zu steuern und so gesellschaftsverändernd zu wirken. Architektur und Städtebau gab es selbstverständlich in vormodernen Zeiten schon, die Doktrin der schmucklosen Funktionalität und Uniformität war allerdings neu und entsprang dem Menschenbild einer Zeit, in der egalitaristische und emanzipatorische Absichten mit den Mitteln der Normierung, Technisierung und Zentralisierung verfolgt wurden.

Der gestalterische Fokus aufs Eigentliche, auf den wesentlichen Kern der Dinge, liegt der sachlichen Ästhetik zu Grunde. Dieser Ansatz ist noch immer zeitgemäß und noch immer legitim, solange er diesen Wesenskernen nicht den Status letzter Wahrheiten zuschreibt und sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Ein experimenteller, spielerischer Ansatz wird auch dem Bauhaus nachgesagt. Die Errichtung von Plattenbausiedlungen für 100 Tausend Menschen ist allerdings nicht nur ein sehr teures Experiment, sondern auch ein gesellschaftspolitisch äußerst heikles.

Der Bau von Schuhen ist da schon unproblematischer. Der Grundsatz „Form follows function“, der Vorrang des Gebrauchswerts vor dem Ornamentalen, liegt auch unserer Gestaltung zugrunde. Ebenso machen wir uns die Effizienz serieller Prozesse und maschineller wie digitaler Verfahren zunutze, um wirtschaftlicher produzieren und damit erschwinglichere Produkte anbieten zu können. Es ließe sich leicht ein Dogma formulieren. Aber wollen wir das? Ich glaube nicht. Wir experimentieren, wollen den Schuh aber nicht neu erfinden. Wir schätzen die Traditionen handwerklicher Macharten und verachten den Mief zünftiger Institutionen. Wir wissen noch nicht, was dabei herauskommt. Das Wichtigste wird dann wohl sein, es kritisch zu betrachten…

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