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WARUM EIGENTLICH HANDWERK?

Handwerkliches Arbeiten ist langsam, bedächtig und hingebungsvoll. Handwerkliches Arbeiten ist ineffizient, mühselig und teuer. Handarbeit wird romantisiert und stimmungsvoll vermarktet, Handarbeit wird vielerorts hinfällig und über kurz oder lang wegrationalisiert.

Für uns Handwerkerinnen gibt es keinen Zweifel an der Sinnhaftigkeit unseres Tuns. Alle, die gerne etwas mit ihren Händen schaffen, wissen um das Gefühl der Zufriedenheit, das sich einstellt, wenn etwas gelingt.

Aber gibt es eine wirtschaftliche Daseinsberechtigung handwerklicher Betriebsstrukturen und manueller Arbeit, die sich mit keinen ökonomischen Kennzahlen messen lässt? Gibt es einen Sinn in der Herstellung von Gütern, der über den damit erwirtschafteten Ertrag oder den bloßen Nutzen ihres Gebrauchs hinausgeht?

In irgendeiner Weise werden Menschen wohl immer Gegenstände von Hand fertigen. Gleichermaßen werden die Kunstfertigkeit und Geduld, die in handwerklichen Artefakten steckt, wohl auch immer Achtung und Wohlgefallen in uns hervorrufen. Welche wirtschaftlichen Perspektiven haben jedoch die kleinen gewerblichen Handwerksbetriebe, wenn die kapitalstarken Produktionsstätten der „Industrie 4.0“ ohne großen Arbeitsaufwand immer individuellere Produkte auswerfen? Bleibt für das Handwerk nur die kleine Nische der exklusiven Luxusgüter? Wir holen mal ein bisschen aus.

Vorsprung durch Technik, oder so.

Der Fortschritt der Technik nimmt seinen unaufhaltsamen Lauf, in immer größerem Tempo brechen technologische Innovationen über uns herein. Hoffungsvoll fügen wir uns dem Innovationszwang, auf dass er uns noch mehr schenke von all dem Angenehmen, das uns die Moderne beschert hat: mehr Wohlstand, mehr Zeit, mehr Komfort, mehr Unterhaltung, weniger Unlust. Schicksalsergeben beugen wir uns den smarten Geräten und eigensinnigen Apps – das ist eben die Zukunft, heißt es.

Es geht hier nicht ums kulturpessimistische Herumgejammere und die Kritik am Fortschritt ist ohnehin so alt wie der Fortschritt selbst. Im Widerstreit von Bewahrern und Erneuerern, Verteidigern und Eroberern entzündet sich der Lauf der Geschichte und entfalten sich die technologischen – und sozialen, politischen, kulturellen – Neuerungen, die unsere Lebenswelt bestimmen. So sinnlos es ist, sich dem Fortschritt überhaupt in den Weg zu stellen, so wichtig ist es doch, seine Richtung zu verhandeln. Die wenigsten halten eine Rückkehr zum technologischen Stand der vorindustriellen Zeit für erstrebenswert. Aber: wie wünschenswert sind eigentlich die High-Tech-Visionen, deren Verwirklichung uns unmittelbar bevorsteht? Fragen wir uns wirklich oft genug, welchen tieferen Sinn es hat, Kurznachrichten von Brillengläsern abzulesen, den Kühlschrank die Einkäufe erledigen, die Oma vom Roboter pflegen und die Schuhe vom 3D-Drucker ausspucken zu lassen?

Digitalisierung und Automatisierung sind ja wohl allemal besser als Drecksarbeit und Ausbeutung, mögen manche einwenden. Dass Digitalisierung und Drecksarbeit wunderbar zusammenpassen, wird jedoch immer wieder bewiesen. Skandalös sind nicht nur die Arbeitsbedingungen von fernöstlichen Näherinnen, sondern auch der Plattform-Prekären, die das Genähte bei uns in Pakete packen und ausliefern.

Konsumkritische Sinnfragen stellen wir uns zu allererst als Verbraucher:innen. Dass Kaufentscheidungen auf irgendeine abgespeckte Art politisch sind, ist mittlerweile Konsens. Mit unserer Nachfrage regulieren wir das Angebot und nehmen damit zumindest indirekt Einfluss auf die Bedingungen der Produktion. Wie mündig können Konsument:innen aber überhaupt sein? Wie viel Transparenz ist möglich, um die heute von vielen eingeforderten fairen, sozialen und umweltverträglichen Produktionsbedingungen unter Beweis zu stellen? Wie viele Informationen können wir verarbeiten; wie viele wohlüberlegte Entscheidungen sind wir in der Lage, tagtäglich zu fällen?

Wenn unser Konsum politisch ist, dann ist es die Produktion, die diesem vorausgeht, erst recht. Etwa 75 % aller Erwerbstätigen sind hierzulande im Dienstleistungsbereich beschäftigt¹. Wenn es um die Bedingungen der Produktion geht, denken die meisten somit eher an „ganz weit weg“, an die Sweatshops im tiefen Süden und fernen Osten, an Realitäten fernab von unseren eigenen, an Kinderarbeit und brennende Fabriken.

Nachhaltigkeit und Fairness bezeugende Siegel sind – wenn mit Ernsthaftigkeit verfolgt – ein wohlmeinender Anfang, um das zu ändern. In unserem global vernetzen wirtschaftlichen System können uns diese aber letztlich auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir mit der materiellen Grundlage unserer Existenz kaum noch in Beziehung stehen, dass wir Freiheiten vor allem bei der Wahl des Brotaufstrichs genießen und uns das ewige Scrollen furchtbar müde macht. Die Produktion unserer intimsten Kuscheldecken, Unterhosen und Bettvorleger erledigen „die Anderen“ – das mag viele angesichts menschenunwürdiger Bedingungen beschämen, aber doch irgendwie auch notwendig erscheinen. Das ist eben die globale Arbeitsteilung, der freie Handel, der Fortschritt.

Ob uns die Technik irgendwann von Arbeit, Mühsal und Klimawandel befreit, wird sich zeigen. Bisher hat sich das Gefühl der Befreitheit vermutlich aber für die wenigsten eingestellt. Worauf hoffen wir also?

Slow-Fashion, Minimalismus, Regionalität

Die Kehrseite des digitalen Enthusiasmus ist die Sehnsüchte unserer Generation nach dem Kleinen, Nahen, Natürlichen, Authentischen und Einfachen, nach Entschleunigung, Minimalismus und niedlichen kleinen Häuschen.

Die Besinnung auf die Materialität und Haptik der Dinge, eine Auseinandersetzung mit dem natürlichen Ursprung ihrer Rohstoffe und ein Bewusstsein für die Zeit ihrer Herstellung liegt für uns Handwerkerinnen in unserem Tun selbst. Selbstverständlich ist handwerkliche Produktion nicht per se sozial, ökologisch oder sinnerfüllt. Handwerk als Beruf ist auch kein kurzweiliges Erlebniswochenende, sondern erfordert Hingabe und auch ein bisschen Disziplin. Wenn wir uns jedoch ernsthaft um Alternativen zu unseren kurzsichtigen, ausbeuterischen und ökologisch verheerenden Konsumgewohnheiten bemühen, kommen wir nicht umhin, Verantwortung nicht nur in unserer Rolle als Verbraucher:innen wahrzunehmen, sondern die Produktion selbst „in die Hand“ zu nehmen – egal ob als schneidernder, tischlernder oder brauender Hobbyist, Selbstversorger, „Prosumentin“ in der Solidarischen Landwirtschaft oder (Klein-)Unternehmerin.

Wir sind von der Zukunftsfähigkeit des Handwerks zutiefst überzeugt. Die Bedingung ist jedoch, dass sich handwerkliche Betriebe nicht nur eine gute Vermarktungsstrategie überlegen und die „Story“ von der schönen alten Welt verkaufen. Will das Handwerk als gesellschaftliche Institution von Bedeutung sein, dann muss es sich in aktuelle Debatten einmischen und kritische Impulse setzten.

Wie wollen wir arbeiten? Wollen wir arbeiten oder doch lieber arbeiten lassen? Wem gehören die Früchte unserer Arbeit? Wem gehören die Mittel unserer Produktion? Wo dient die Technik uns und wo dienen wir vielmehr ihr? Wie machen wir uns die natürlichen Ressourcen nutzbar ohne sie auf ihren bloßen Nutzen zu reduzieren?

Das Handwerk bietet seit jeher Antworten auf diese Fragen und doch scheint es, als ob die Zukunft anderen als den Handwerke:innen gehört. Will das Handwerk sich als Alternative behaupten, dann muss es sich demokratisieren: Wenn handgefertigte Produkte oder handwerkliche Fähigkeiten wieder einer breiteren Masse zugänglich gemacht werden; wenn handwerkliche Betriebsstätten und Organisationen beginnen, Hierarchien abzubauen; wenn die berufliche Bildung eine grundlegende Aufwertung erfährt und Handwerker:innen ihre Arbeit mit Selbstbewusstsein in die Öffentlichkeit tragen, dann hat das Handwerk eine echte Zukunftsperspektive.

Was heißt das konkret für unsere Arbeit?

Wir bewahren altbewährte Methoden der Schuhproduktion und ergänzen sie durch – ja, genau – digitale Strategien in Entwicklung, Vertrieb und Organisation. Wir versuchen dabei, unsere Prozesse so effizient wie möglich zu gestalten, ohne die Grundprinzipien echten handwerklichen Arbeitens zu opfern. Ein geringer Grad der Arbeitsteilung, sparsamer Maschineneinsatz und eine heimelige Arbeitsatmosphäre ermöglichen uns den Fokus aufs Wesentliche: die Sinnhaftigkeit unserer Arbeit und die Qualität unseres Produkts.

Handwerkliche Arbeit vollzieht sich als Dialog zwischen Mensch und Material. Während die industrielle Produktion den stofflichen Unwägbarkeiten mit totaler Kontrolle begegnet und den menschlichen Störfaktor weitestgehend zu minimieren versucht, nimmt das Handwerk Rücksicht auf das Besondere. Wir berechnen nicht nur, wir beurteilen: wir folgen dem menschlichen Maß.

  1. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1248/umfrage/anzahl-der-erwerbstaetigen-in-deutschland-nach-wirtschaftsbereichen/#professional
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