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WAS IST EIGENTLICH EIN LEISTEN? (Werkstoffserie / #3)

Wer kann sich denn schon einen eigenen Leisten leisten? Einen persönlichen Maßleisten? Wenige. Deshalb wissen die meisten Menschen tatsächlich auch gar nicht mehr, was das ist, ein Leisten.

Dass der sprichwörtliche Schuster bei ihnen bleiben soll, das ist in der Regel bekannt. Aber was das genau ist – die Leisten: Sockelleisten? Irgendwas in der Lendengegend? – das wissen auf Anhieb nicht mehr so viele. Schuhmachereien sind rar geworden und in vielen Reparaturbetrieben sind die Schlüsselrohlinge präsenter als das, was mal als „Schlüssel“-Werkzeug der Schuhmacher galt: der Leisten.

Wenn man es genau nimmt, dann ist der Leisten weniger ein Werkzeug als ein Hilfsmittel. Schließlich dient er nicht der unmittelbaren Bearbeitung von Material, sondern eher als Füllmaterial oder Arbeitsunterlage.
Darüber hinaus kommt ihm jedoch noch eine zweite, ganz zentrale gestalterische Funktion zu: Der Leisten stellt quasi das Negativmodell des fertigen Schuhs dar und bestimmt somit maßgeblich dessen Passform und Erscheinungsbild.
Der Leistenbau ist folglich nicht nur ein Arbeitsschritt im Schuhbau, sondern die Herstellung eines eigenständigen Produkts, welches individuell gefertigt und doch seriell verwendet werden kann. Es verwundert nicht, dass die Fertigung von Leisten für eine lange Zeit ein vom Schuhmacherhandwerk gesonderter Handswerksberuf war.

Also was genau ist ein Leisten?

Der Leisten ist ein Stück Holz, das ungefähr dem menschlichen Fuß nachgebildet ist. Auf der Unterseite des Leistens wird die Brandsohle fixiert, die man als das Fundament des Schuhs bezeichnen kann. Über den Leisten wird dann das Schuhoberteil „gezwickt“, das heißt, der Schaft wird mithilfe einer Zwickzange mit großer Spannung über den Leisten gezogen, sodass sich der Schaft beim Tragen nicht allzu sehr weitet oder gar verzieht, und schließlich auf der Unterseite des Leistens mit der Brandsohle verklebt. Nach dem Bodenbau, also dem Anbringen der Versteifungskappen, dem Ausballen, Durchnähen, Besohlen und evtl. Doppeln – im Detail wird dies sicherlich einmal in einem anderen Beitrag ausgeführt – wird der Leisten wieder aus dem Schuh herausgezogen: der Schuh wird „ausgeleistet“.

Wie soeben gesagt, entspricht der Leisten in Form und Umfang nur ungefähr dem menschlichen Fuß. Schließlich soll der Schuh nicht einen statischen Fuß umhüllen, sondern ihn in seiner Beweglichkeit und Statik schützen und unterstützen. So muss zum Beispiel bei jedem Leisten eine Spitzenzugabe vorhanden sein, um dem Fuß beim Abrollen genügend Raum nach vorne hin zu bieten. Im Sinne der Mode kann ein Leisten zudem ganz andere Formen annehmen als ein menschlicher Fuß, was dem Schuh dann beispielsweise eine Karree-förmige Spitze oder ein sogenanntes „Schiffchen“ verleiht.

Aber allein die Formenvielfalt menschlicher Füße ist schon so groß, dass es schwierig ist, einen Leisten zu entwickeln, der dem natürlichen Fuß entspricht. In der industriellen Schuhfertigung liegen dem Leisten – neben den Anforderungen der Mode – statistische Durchschnittswerte und zielgruppenspezifische Normen zugrunde. In der Maßschuhmacherei hingegen wird jeder Kundin und jedem Kunden ein eigener und individueller Leisten gebaut. Wir arbeiten nach dem Prinzip der Maßkonfektion, das bedeutet, auf der Grundlage der Fußmaße unserer Kund/innen wählen wir den am besten passenden Leisten aus unserem Angebot aus. Wir bieten drei verschiedene Leistentypen in jeweils drei Weiten an, so findet eine große Bandbreite menschlicher Fußformen Berücksichtigung, ohne dass bei jeder Schuhbestellung der Leisten neu erfunden werden muss.

Wo kommen die Leisten der Schuhwerkstätte WURZLN her?

Unsere Leisten sind aus Buchenholz und stammen vom einzigen Leistenbauer, der in Deutschland noch Holzleisten für handwerklich arbeitende Schuhmachereien fertigt. Das Prinzip der Leistenherstellung ist heute noch dasselbe wie Mitte des 19. Jahrhunderts, als Matthias Spenlé die erste Kopiermaschine für Leisten patentieren ließ. Allerdings entstehen Leisten heute nicht mehr durch „Abdrehen“, also Kopieren eines physischen Leistenvorbilds, sondern an der CNC-Fräse.

Die CAD-Bearbeitung eröffnet auch im Leistenbau viele Möglichkeiten; die händische Arbeit am Leisten wird dadurch jedoch nicht ersetzt. Die Vorstellung, dass sich ein digital erzeugtes Modell so ohne Weiteres vom 3D-Drucker als Leisten ausspucken lässt und dann sowohl passt als auch gefällt, hat sich bislang noch nicht als realistisch erwiesen.
Die Notwendigkeit dafür besteht aus unserer Sicht aber auch gar nicht – viel eher die, tradiertes Wissen weiterzugeben und die wenigen Betriebe zu erhalten, die alte Berufe wie den der Leistenherstellung in die Zukunft führen.

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